Up and Coming: Förderpreis für junge Buchgestaltung 2026
Lena Ludwig
Yitong Feng
Celia Joy Homann
2. Juli - 1. August, 2026
Vernissage⎢Do. 2. Juli, 18 - 21 Uhr
Mi. Do. Fr. 11 – 18 Uhr / Sa. 11 – 16 Uhr
einBuch.haus / Lindenstr. 91, 10969 Berlin
In Zusammenarbeit mit Stiftung Buchkunst

Anlässlich der Auszeichnung mit dem »Förderpreis für junge Buchgestaltung« werden die diesjährigen Preisträgerinnen mit einer Ausstellung geehrt. Die drei prämierten Werke von Lena Ludwig, Yitong Feng und Celia Joy Homann setzen sich auf ihre eigene Weise mit Sprache auseinander – als individuelle Ausformung, neue Lebensrealität und als Instrument, Schmerz zu verbalisieren. Das spiegelt sich in der Gestaltung der jeweiligen Buchprojekte wider: in der Materialwahl, der Kontrastierung von Illustrationsstilen oder dem Anlehnen an die Ästhetik eines Kreuzworträtsels gepaart mit einem Duden. Gezeigt werden eine Fotoarbeit zusammen mit einer skulpturalen Umsetzung, illustrierte Banner als semitransparente Übertragung der Geschichte in den Raum und eine Postkarteninszenierung in Kombination mit Schals, die das Thema weiterspinnen. Ergänzt wird die Ausstellung zudem durch weitere buchgestalterische Positionen der Shortlist des diesjährigen Förderpreises.
Lena Ludwig
Liebhabkondensat
Eine Sammlung von 100 familiären Idiolekten
Yitong Feng
HEIM-WEG-FREMD-WEG
Celia Joy Homann
Vulvodynie
Schmerz der Weiblichkeit

Lena Ludwig, Liebhabkondensat: Eine Sammlung von 100 familiären Idiolekten
Sobald wir die gleiche Sprache sprechen, sprechen wir die gleiche Sprache. Oder? Wem sind schließlich Worte wie Bollerbuxe, Hümmelken oder kotterich kein Begriff? Der individuelle Sprachgebrauch unterscheidet sich – abhängig von Region und Humorverständnis – stärker als vielleicht angenommen, würde man unsere häufig verwendeten Lieblingsworte protokollieren. Dieser individuelle Sprachraum jedes einzelnen Menschen – bestehend aus Wortschatz, Sprachverhalten, Ausdrucksweise und Aussprache – wird als Idiolekt bezeichnet.
Einer eher emotional als rational geprägten Sammlung solcher Begriffe widmet die Autorin ihren ganz eigenen Duden, sowohl was dessen nachschlagewerksartige Systematik als auch grafische Gestaltung betrifft. In „Liebhabkondensat“ werden 100 familiär geprägte Worte mit englischen und deutschen Erläuterungen untersucht. Gleichzeitig lädt das Projekt die Leserschaft dazu ein, sich diesen Begriffen zunächst spielerisch über eigene Interpretationen zu nähern.
Wie bei einem Kreuzworträtsel, das der Publikation auf zeitgenössische Weise ihre visuelle Sprache verleiht, entstehen Bedeutungen nicht nur durch einzelne Worte, sondern durch Hinweise, Leerstellen oder Beziehungen. Eigene Lösungsansätze versteht die Autorin nicht als Fehlinterpretationen, vielmehr als neue Bedeutungsangebote. Insgesamt wird die individuelle Deutung der Idiolekte über Bildwelten sowie über Satzkonstruktion ermöglicht. Alternativ ermöglichen Querverweise den kurzen Weg zur Auflösung.
Das kompakte Individualwörterbuch ist ein handliches Objekt mit vielen Wegen der Annäherung. Optisch frisch wirkt es besonders durch die prägnante Headlineschrift und das markante grafische Raster. Im Buchblock finden sich Eingriffe in Form runder Ausstanzungen, die direktes Springen zu den nächsten Kapiteln ermöglichen. Die durchdachte Gestaltung macht die Nutzung des Buches besonders angenehm und regt zur Dokumentation der eigenen Sprachwelt an.
Lena Ludwig (*2003, Hanau) lebt und arbeitet in Aachen. Sie studiert Kommunikationsdesign an der FH Aachen mit den Schwerpunkten Editorial Design, Typografie und Fotografie. In ihrer Arbeit bewegt sie sich zwischen Gestaltung, Kunst und Kommunikation und interessiert sich insbesondere für die Verbindungen zwischen unterschiedlichen Disziplinen und Wahrnehmungsebenen. Neben ihrer gestalterischen Praxis sammelte sie Erfahrungen in den Bereichen Design, Redaktion und Kommunikationsmanagement. Ihre Arbeiten sind geprägt von einem sensiblen Blick für Details, Atmosphäre und zwischenmenschliche Begegnungen. Dabei untersucht sie, wie Gestaltung Räume schaffen kann – für Austausch, Aufmerksamkeit und neue Perspektiven auf das Alltägliche.

Yitong Feng, HEIM-WEG-FREMD-WEG
Yitong Fengs autobiografische Graphic Novel nimmt uns mit auf einen Weg des Ankommens und Fremdfühlens: zwischen Xi’an, ihrer chinesischen Heimatstadt, und Berlin, dem neuen Lebensmittelpunkt zum Studieren und Arbeiten.
Vollflächige, satte Illustrationen fangen eindrückliche Momente ein. Lichtstimmungen, Straßenszenen und intime Innenräume erscheinen atmosphärisch dicht und greifbar: die heimische Zimmerdecke nach einem lebhaften Traum, der Markt, die deutsche Käsetheke, Blumen als fotografischer Gruß in die Heimat oder der Tofustand in Xi’an. Kleine Kommentare auf Englisch und Chinesisch begleiten diese Beobachtungen.
Demgegenüber stehen tagebuchartige Episoden in Kombination mit einfarbig blauen Strichzeichnungen, die konkrete Anekdoten, Sorgen oder Herausforderungen karikieren. Auch die deutsche Sprache schleicht sich nach und nach in die Publikation ein: zunächst in Form illustrierter Vokabeln, als „der, die, das“-Chaos im Kopf und schließlich auch als eigene Ausdrucksform neben Chinesisch und Englisch.
Der wachsige Duktus der Kreidezeichnungen wird durch die Papierwahl zusätzlich verstärkt, Flächen mit viel Farbauftrag wirken glatter, während die Passagen mit den Strichzeichnungen wegen des geringeren Farbauftrags matter wirken. Ein kleines eingelegtes Risoheft in der Mitte des Buches eröffnet eine zusätzliche emotionale Erzählebene. Acht Kapitel strukturieren die fragmentarischen Erzählungen und bringen immer wieder neue spannungsvolle Elemente hervor. Mal taucht die Illustration eines Handychats auf, mal die gescannte Kante eines ausgerissenen Collegeblocks.
Auch Vorder- und Rückseite des Buchkörpers visualisieren das Hin- und Hergerissensein zwischen zwei Welten, verbunden und zugleich getrennt durch einen Flug, der sich über den Buchrücken abbildet. So entsteht eine vielschichtige, persönliche Geschichte, die für die Leserschaft spürbar wird und die es fortzusetzen gilt: FREMD-WEG-HEIM-WEG.
Yitong Feng (*1996 in Xi’an, China) lebt und arbeitet als Illustratorin in Berlin. Sie studierte Visuelle Kommunikation mit dem Schwerpunkt Grafikdesign an der Akademie der Künste Xi’an und anschließend Illustration an der UDK Berlin, wo sie ihren Master in Visueller Kommunikation mit Auszeichnung abschloss. In ihrer künstlerischen Praxis verbindet sie Illustration, Grafik und visuelles Erzählen. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen persönlicher Beobachtung, gesellschaftlichen Fragestellungen und poetischen Bildwelten. Dabei interessiert sie sich besonders für die Fähigkeit von Bildern, kulturelle Erfahrungen zu vermitteln und neue Zugänge zu komplexen Themen zu eröffnen. Ihre Arbeiten wurden bereits in Deutschland, China und Polen ausgestellt. 2026 ist sie Teil der Ausstellung des Berliner Comic-Stipendiums im Museum für Kommunikation Berlin. Neben ihrer künstlerischen Arbeit kuratiert und entwickelt sie Ausstellungsprojekte im internationalen Kontext.

Celia Joy Homann, Vulvodynie: Schmerz der Weiblichkeit
Das vorliegende Buchobjekt ist das Gegenteil eines Handschmeichlers. Schmirgelpapier umspannt die größte Fläche des Covers. Ausgelaserte Aussparungen lassen eine glänzende rote Folie hervorblitzen und formen zugleich abstrahierte Schamlippen sowie die Lettern des Buchtitels.
Ausgehend von der chronischen Schmerzerkrankung Vulvodynie versucht die Initiatorin, ein häufig unsichtbares und nicht diagnostiziertes Leiden sichtbar wie greifbar zu machen. Gemeinsam mit verschiedenen Betroffenen wurden eigene visuelle Zugänge für dieses besonders intime und schambehaftete Themenfeld entwickelt und umgesetzt.
Beim Öffnen des rötlichen Buchblocks stößt man zunächst auf eine Zweiteilung der Erzählstränge. Beide Aufschlagseiten bestehen aus glänzender semitransparenter roter Folie, die das Erahnen des folgenden Inhaltes noch verbergen. Der linke Erzählstrang umfasst Perspektiven erkrankter Personen, die anhand von Interviewfragen ihre persönliche Geschichte schildern: Diagnosen, das Gefühl missverstanden zu werden und individuelle Wege im Umgang mit den Schmerzen. Rote Schrift, rote Farbverläufe im Bund und in Rot verwischte abstrahierte Porträts verdichten die emotionale Atmosphäre. Ergänzt wird dieser Teil durch ein Glossar, Stimmen aus Medizin und Therapie sowie Informationen zu möglichen Behandlungsansätzen, die weiteres Wissen zum vergleichsweise unbekannten Krankheitsbild vermitteln. Dem gegenüber steht eine fotoessayistische Bildstrecke, die sich aus den geführten Gesprächen nach und nach entwickelt hat. Besonders prägnante Zitate begleiten die verschiedenen fotografischen Bildansätze.
Ein mutiges Projekt, das inhaltlich, visuell und haptisch eindrücklich von den körperlichen und emotionalen Belastungen eines weitgehend unbeachteten Leidens erzählt.
Celia Joy Homann (*1999, Hamburg) arbeitet als Fotografin an der Schnittstelle von konzeptioneller Porträtfotografie, Bildredaktion und kuratorischer Praxis. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit Intimität, Körperlichkeit und gesellschaftlichen Zuschreibungen sowie mit der Frage, wie visuelle Narrative persönliche Erfahrungen in kollektive Zusammenhänge überführen. Sie studiert Fotografie (M.A. Photographic Studies ) in Dortmund und absolvierte während des Bachelors ein Auslandssemester in Budapest. Bildredaktionelle Tätigkeiten beim Stern sowie ihre heutige Arbeit bei GEOlino prägen ihren Blick auf visuelles Erzählen und zeitgenössische Bildkultur. Heute lebt und arbeitet sie in Hamburg. Neben ihrer fotografischen Praxis ist sie Mitbegründerin des Veranstaltungsformats Runde Ecke und im Freundeskreis der Photographie Hamburg aktiv.
Förderpreis für junge Buchgestaltung
Der Wettbewerb Förderpreis für junge Buchgestaltung möchte außergewöhnliche, neue Ideen zu gedruckten Büchern oder hybriden Buchformen – und damit Entwicklungen im Bereich der Buchgestaltung – aufspüren und Impulse für morgen sowie Qualitätskonzepte von heute sichtbar machen. Hier steht nicht die technische Perfektion, sondern die Konzeption im Vordergrund. Dotiert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, vergeben seit 1989.
Stiftung Buchkunst
Die Stiftung Buchkunst kürt »Die Schönsten Deutschen Bücher« eines Jahres, bietet mit dem »Förderpreis für junge Buchgestaltung« eine Plattform, um das Medium Buch weiterzudenken und vernetzt internationale Buchgestaltungswettbewerbe unter dem Dach von »Best Book Design from all over the World«. Seit 1966 ist die Stiftung Buchkunst anerkannte Stiftung bürgerlichen Rechts. Sie wird getragen vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Deutschen Nationalbibliothek, der Stadt Frankfurt am Main und der Stadt Leipzig.


